Worum es hier geht: Der Auftakt.
28.02.09 | Allgemein | 13 Kommentare »
Und man muss doch anschreiben gegen die Trägheit, diese faule Sau. Man muss anschreiben gegen diese ideologische und spirituelle Wüste, die wir unser Hier und Jetzt schimpfen, und die wir anstandslos hinnehmen. Und damit meine ich keineswegs den vermeintlich schlimmen Zustand des von den Bürgerlich-Empörten vermuteten, entfesselten “Casino-Kapitalismus”. Als ob sich dieses auf Profitmaximierung ausgelegte System je in berechenbare und also freundlichere Bahnen lenken ließe und dadurch Irgendetwas grundlegend verbessert würde. Ich meine auch nicht “Die da oben”, die eben tun, was man so tut, wenn man “da oben” (wo auch immer das sein soll) ist. Und ich meine ganz bestimmt nicht Politikverdrossenheit.
Es geht hier um den allgegenwärtigen Fetisch der Texturen. Dieses hirnlose Aneinanderreihen von Hülsen und Oberflächen, die zu einem leicht verständlichen, allen Subtexten beraubten, gefälligen Bild verwoben werden. Es geht um das allumfassende Diktat des Optimismus, der manierlichen Fröhlichkeit, der Zusammenhalts einer konstruierten Community, auch wenn es eigentlich keinen Grund gibt, einfach so herumzulächeln und zu kuscheln.
Es geht um die fahrlässige Verwischung der einstigen Grenzen zwischen Radikalismus und mit viel Radcial Chic angemalter, angepasster Grenzausweitung.
Es geht noch immer um diesen kollektiv-urbanen Hang zu Regression, zu Kuschelpullis, Kinder-Wollmützen, Milchkaffee-Tassen, übergroßen Brillen und Sinn suggerierenden Mode-Magazinen. Es geht um das scheinbar selbstverständliche Gebot des Kompromisses mit den Verhältnissen. Darum, dass es Menschen gibt, die wirklich glauben, eine Limousine mit Hybridmotor sei auch nur einen Deut besser als ein SUV. Es geht um die strikte Weigerung hinzuschauen, wenn unser ach-so-beschützenswerter Lebensstil uns nichts als verbrannte Erde und verdorrte Wälder hinterlässt. Es geht um den kaum zu ertragenden Selbstbetrug, dass die besten Waffen im Kampf gegen den bereits stattfindenden Kollaps Energiesparlampen, Motiv-T-Shirts und mutige Appelle mit Getrommel und Barfußtanzen seien.
Es geht um die Heiligung einer auf reinen Konsum angelegten Popkultur, die nur noch mehr Ein-Jahres-Blasen produziert, in denen wir uns wundervoll spiegeln können, als ob wir nicht wüssten, dass alle Blasen hohl und alle Spiegelbilder verzerrt sind. Es geht darum, Adorno, Bataille, Derrida, Deleuze und all die anderen ins Giftschränkchen der Unverständlichkeit/Unzweckmäßigkeit zu sperren, weil sich die Zeiten angeblich geändert haben.
Es geht immer gegen VICE.
Es geht um die inszenierte Sehnsucht nach Becks-Momenten, die gekaufte Nike-Limited-Edition-Hipness, den Wunsch nach Jugendbewegung von Menschen jenseits der Dreißig. Es geht um die Heimsuchung. Es geht um die manische Suche nach Zerstreuung, weil nachdenken wehtut und lesen ermüdet. Es geht um die Sucht nach Rave, Freier Liebe, Drogen, Eskapismus und Selbstbetrug mit utopia.de-Account und MySpace-Freunden. Es geht um den Rückzug in die innere Leere.
Es geht darum, dass wir in einer unfassbaren Scheiße stecken, aber es einfach nicht en vogue ist, das auch genau so auszusprechen.
Und wenn hier künftig Werbung, Anarcho-Primitivismus, defäkierende japanische Schulmädchen, Waffentechnik und Fundamentalismus neben Konzertterminen, Design und lustigen Youtube-Filmchen verhandelt werden, dann geht es um Deprogrammierung. Von mir selbst und von Denjenigen, die da mitlesen wollen. Vielleicht verliere ich, verlierst Du schon nach ein paar Postings den roten Faden. Aber das ist exakt der Moment, auf den es ankommt. Der Moment, an dem Du endlich begreifst, dass Du der rote Faden bist. Und damit der Strick, an dem die Dummheit aufgehängt wird.
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